Wangen a/A

Mein erstes Jahr

Liebe Leserin, lieber Leser. Zur Amtseinsetzung im vergangen März haben Sie sich zahlreich eingefunden und mir ein schönes Fest bereitet. Ihren weitgereisten Pfarrer und seine Regenbogenfamilie haben Sie mit viel Wohlwollen und aufrichtigem Interesse aufgenommen. Nach einem Jahr im Amt halte ich Rückblick und möchte Ihnen ein paar meiner Eindrücke auf unsern weiteren gemeinsamen Weg geben. Dabei schaue ich auf die Seelsorge auch im weiteren Sinne: Was kann ich Ihnen und unserer Gemeinde Gutes tun?

Mit einem Dutzend Taufen und ebenso vielen Beerdigungen liessen Sie mich Anteil nehmen an Ihrem Leben, Ihren Familien, Freud und Leid. Ungekünstelt und nicht aufgesetzt menschlich sei die Bevölkerung auf dem Land und das gefällt mir. An die 40 Konfirmandinnen und Konfirmanden in den zwei Jahrgängen fordern meine Übersetzungskunst für Glaubensfragen heraus und halten meine pädagogische Spannkraft fit. Eine kleine, aber sehr feine Gemeinde versammelt sich regelmässig zum Gottesdienst. Die Orgel ist ein wahres Bijou. Zu ihrer Einweihung vor bald 40 Jahren kam sie live ins Schweizer Fernsehen. Und liebevoll entrümpelt und gestaltet zusammen mit der Sigristin erstrahlt der Gottesdienstraum in seiner warmen geschmackvollen Schlichtheit. Dass der Gottesdienst ein Problemkind ist, betrifft ganz Mitteleuropa. Trotzdem glaube ich, dass er die christliche Gemeinde aufbaut, den Glauben nährt, pflanzt und einübt. Hier möchte ich stetig am Aufbau mitwirken. Keine Strohfeuer entfachen, sondern die Glut sammeln und so eine Kraft für das gute Zusammenleben stärken: Eine Gemeinde zum Mitmachen. Da spüre ich die Unterstützung meiner Pfarrkollegin und des Kirchgemeinderates - und brauche ich Ihre Mithilfe.

Im Städtli und Pfarrhaus haben wir uns gut eingelebt. Die dicken Festungsmauern geben ein Gefühl von Geborgenheit. Richtig schön lebt es sich hier in den heissen Sommermonaten. Wangen entwickelt sich ausserhalb der alten Stadtmauern mehr als innerhalb. Dem Kern seine Funktion wieder zu geben heisst das Ganze stärken. Zurück zur alten Kraft möchte ich Sie auch spirituell führen: mich inspiriert der vor bald 900 Jahren gegründete Konvent benediktinischer Mönche, die Propstei. So habe ich mir vorgenommen, nicht nur täglich Psalmen zu singen, sondern sie auch der Versammlung auszulegen und zu predigen. Ob ich Sie schon damit erreichen konnte? Darüber hinaus gilt das zweimal täglich gesungene Schluss-Gebet nach dem Morgenlob und Abendlob: „Der HERR segne uns und unsere abwesenden Brüder und Schwestern, er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben!“

Roland Diethelm

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