Wangen a/A

Osterbrief 2020

Dieses Jahr ist Ostern anders als sonst. Wir erleben eine Passionszeit im wirklichen Leben. Noch nie wurde uns so deutlich und allgemein verbindlich vor Augen geführt: unser Leben ist verletzlich und endlich. Glaube - christlicher Glaube – hat die Kraft des Protests gegen den Augenschein.

«Du wirst antworten, Herr, mein Gott!»

Dieses Jahr ist Ostern anders als sonst. Wir erleben eine Passionszeit im wirklichen Leben.

Das öffentliche Leben ist ausgesetzt. Der Horizont auf unsere Kernfamilien und Hausgemeinschaften beschränkt. Die wirtschaftliche Situation ungewiss. Nach 70 Jahren fast ungetrübten Aufschwungs und mit immer grösserer Bewegungsfreiheit lernt meine Generation und die meiner Kinder nun, was es heisst, eine Schicksalsgemeinschaft zu sein. Noch nie wurde uns so deutlich und allgemein verbindlich vor Augen geführt: unser Leben ist verletzlich und endlich. Es steht nicht in meiner Macht und unter meiner Kontrolle. Das Schicksal ist brutal und noch wissen wir nicht, wie hoch der Preis für diese Lektion sein wird. Die Welle der Solidarität untereinander, die Nachbarschaftshilfe und die Rückbesinnung auf das, was für unser Leben wesentlich ist, stimmt mich in aller Ungewissheit und Angst hoffnungsvoll. Vielleicht lernen wir im letzten Moment, dass wir in unserem Land und auf diesem Planeten nur gemeinsam überleben können und ringen uns zu freiwilliger Rücksicht aufeinander durch. Dann hätte die Botschaft des Mannes aus Nazaret in den vielen Jahren doch auch fruchtbaren Boden gefunden und bereitet.

An die Auferstehung glauben heisst: an den Auferstandenen glauben. Ich weiss, dass mein Erlöser lebt. In meinem Leib werde ich Gott schauen. Das Wort letzter Hoffnung bekannten die Anhänger Jesu ein paar Tage nach seiner grässlichen Hinrichtung. Männer und Frauen, die seinen geschundenen Körper gesehen, beweint und begraben hatten. Das entstellte Folteropfer der Römer gab keinen Anlass für die Vorstellung eines Weiterlebens. Die Kraft des Glaubens treibt eine überwältigende Erfahrung an: Die Menschen haben diesen Mann fertig gemacht, Gott aber hat gerade ihn zum Weg von uns zu sich gewählt.

Glaube - christlicher Glaube – hat die Kraft des Protests gegen den Augenschein. Auflehnung gegen die Macht der Todesschwadronen und ihrer Auftraggeber. Anstatt mit Rache heimzuzahlen oder zu resignierten Zynikern zu werden, standen sie auf: Feinde zu lieben, Versöhnung zu schaffen, alles von einem Gott zu hoffen, der aus dem Nichts das Leben schuf. Ein Gott, der den geschundenen Gefolterten zu seinem Sohn erklärte. Der Apostel Paulus schreibt noch zwanzig Jahre später: "Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden."

Dieses Jahr ist Ostern auch für uns als Christenmenschen anders als sonst. Wir können die Liturgie der heiligen Woche nicht gemeinschaftlich feiern. In der Liturgie, im Glaubensbekenntnis unserer Vorfahren und in den Osterliedern kommt mir eine Kraft von aussen zu. Diese Kraft vermisse ich nun schmerzlich.

Wir gleichen darin den ersten Jüngerinnen und Jüngern. Sie sassen hinter verschlossenen Türen, aus Angst vor der Aussenwelt, gingen resigniert an ihre vormalige Arbeit zurück als Fischer auf den See, erkannten den Auferstandenen erst indirekt und nie fassbar, begreifbar. In einem Psalm betrachtet sich ein kranker, verlassener Mensch in seiner Hinfälligkeit und wendet sich schliesslich zu Gott: «Du wirst antworten, Herr, mein Gott!» (Psalm 38,16). Das ist Ostern.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Angehörigen diese österliche Kraft und grüsse Sie herzlich

Pfr. Roland Diethelm

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