Wangen a/A

Gedanken auf den Weg - Als Volk des Gottes Abrahams

Gedanken auf den Weg zum Fest der Himmelfahrt Christi («Auffahrt»)

Ihr Völker alle, klatscht in die Hände, jauchzet Gott mit Jubelschall.
Denn der HERR, der Höchste, ist furchterregend, ein grosser König über die ganze Erde.
Er zwingt Völker unter uns und Nationen unter unsere Füsse.
Er erwählt uns unseren Erbbesitz, den Stolz Jakobs, den er liebt.
Gott stieg empor unter Jubelklang, der HERR beim Hörnerschall.
Singt Gott, singt! Singt unserem König, singt!
Denn König der ganzen Erde ist Gott. Singt ein festliches Lied!
Gott ist König über die Nationen, Gott sitzt auf seinem heiligen Thron.
Die Fürsten der Völker sind versammelt als Volk des Gottes Abrahams.
Denn Gott gehören die Schilde der Erde, hoch ist er erhaben. (Psalm 47)

Seit alters gebrauchen wir erwählte Personen und heilige Orte, um uns als Gesellschaft zu organisieren und uns über unsere Positionen darin zu verständigen. Keine der menschlichen Vorstellungen, welche wir als Religionen bezeichnen, kommt ohne solche herausgehobenen und erhabenen Wesen aus. Die grossen Reiche der ägyptischen Pharaonen und der Millionenstädte im Zweistromland hinterliessen uns beeindruckende Bauwerke für solche Inszenierungen. Wer sich in den grossen archäologischen Museen umschaut, findet als steinerne Zeugen die babylonische Prozessionsstrasse oder den Tempel von Karnak in Luxor am Nil. Im alten Israel waren es Gott und sein König auf dem Zionsberg bei Jerusalem, welche dem Volk seinen Bestand und sein Wohlergehen sicherten. Sie verteidigten es gegen äussere Feinde und inneren Zerfall. In einem jährlich wiederkehrenden Fest inszenierte man diese Weltordnung: in einer Prozession auf den Tempelberg hinauf. «Gott stieg empor unter dem Klang von Widderhörnern und wurde als König inthronisiert.» Gott trägt die Insignien politischer und militärischer Macht. Diplomatisch protokollierter Applaus und Staatskapelle gehören dazu.

Entgegen dem Klischee vom liebenden Gott des Neuen Testaments, der erst den rächenden Gott des Alten Bundes abgelöst habe, verehren schon die Juden ihren Gott wie einen Partner. Liebe und Ehe sind die Bilder, in denen sich die Israeliten ihrer Beziehung zu Gott vergewisserten und der Nachwelt mitteilten. An Gott glaubten sie wie man mit einem liebenden Vater und einer liebenden Mutter rechnen darf. Gott gehört zum persönlichsten, ja intimen Bereich des Menschen. Das ganze Volk verband sich in diesem Glauben untereinander, gerade weil die Israeliten keine normale Geschichte durchgemacht und in der Antike nie ein gewöhnliches Volk gebildet hatten. An ihrer Spitze stand lange kein Monarch. Sie selbst erklärten sich, als Familie Gottes entstanden zu sein. So wollten sie auch untereinander wie Geschwister zueinanderstehen. Die Propheten des Alten Testaments riefen diese Erfahrung immer wieder in Erinnerung gegen Entwicklungen, wenn sich die soziale Schere auftat und eine Oberschicht die Unterschicht in wirtschaftliche Abhängigkeit und Armut trieb. Als Jesus aus Nazareth seine Jüngerinnen und Jünger berief, um Israel für seinen Gott wiederherzustellen, setzte er auf dieselbe Erfahrung und Gottesvorstellung. Gott nannte er liebevoll «Papi» und schärfte seiner Bewegung ein geschwisterliches Verhalten zueinander ein. Seit der französischen Revolution gehören «Gleichheit und Brüderlichkeit» zu unserem allgemein akzeptierten Menschenbild, auch wenn wir im Alltag oft andere Haltungen praktizieren. Wir Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz kennen und pflegen die Vorstellung aus unserer eigenen Geschichte, ein Volk aus gleichberechtigten Geschwistern zu sein und nicht einem einzigen zu viel Macht zu geben. Bis heute halten wir unsere Regierungsform mit Kollegialbehörden und Milizsystem gegen den allgemeinen Trend und die Überlegungen zur Effizienz nahe an einem solchen Ideal des alten Israels. Lebenserfahrungen aus dem familiären Bereich und politische Prinzipien vertragen sich zwar nicht immer gut. In unseren Tagen wird unser Land auf die Probe gestellt. So klar wie selten bisher geht es jetzt nicht ohne die Herzen der Regierten, ohne das Vertrauen in die Regierenden. Sie sind Leute von uns.

Die politisch-militärische Vorstellungswelt von der Macht des Höchsten und die persönlich-familiäre Hoffnung auf einen liebevollen Gott finden im Psalm 47 zusammen. Die Prozession spielt die universale und göttliche Hackordnung von alters her durch. Sie blickt im zweitletzten Vers zugleich auf eine unerhörte Zukunftsvision: Die Fürsten der Völker sind versammelt als Volk des Gottes Abrahams.  Statt Unterwerfung einzuüben würden sich die Regierenden aller Völker versammeln als Volk des Gottes des biblischen Stammvaters Abraham. Mit diesem Blick über den Tellerrand der eigenen Erwählung steht der Psalter mitten in der Osterbotschaft. Am Auffahrtsfest feiern wir, dass Gott Jesus nicht nur vom Tod auferweckt, sondern ihn erhöht hat zu seiner Rechten. Das letzte Urteil über uns alle liegt in den Händen des Gekreuzigten. Wer immer Orientierung sucht über den heutigen Tag hinaus, findet sie in der Vorstellung, dass Jesus Christus am jüngsten Tag zur Rechten Gottes «richten wird die Toten und die Lebendigen». Diesen Psalm stimmt die Kirche an Christi Himmelfahrt an. Die Kirche bekennt damit: In der Kirche gibt es keine Ausländer. In der Kirche gibt es keine zweitklassigen Gläubigen und keine zweitrangigen Mitglieder. In der Kirche gibt es keine herrschende Elite und keine entmündigte Gefolgschaft. An diesem eigenen Glaubensbekenntnis wird sich zuerst unsere Glaubensgemeinschaft, die Kirche selbst, richten lassen müssen.

Gebet

Danke, Gott, dass du uns inmitten unserer Alltage erinnerst, dass es einen Himmel gibt, der dem Leben Weite und Würde verleiht. Danke, dass eine Ahnung von Himmel schon heute da ist. Dort, wo Liebe uns ansieht, wo Schönheit uns anrührt, wo Güte aufstrahlt.

Danke für unseren Bruder Jesus, ganz aus Erde und ganz aus Himmel gemacht. Aus der Vereinsamung hat er in die Zugehörigkeit geführt, aus der Willkür ins Recht, aus der Sehnsucht ins wirkliche Leben. Um seinetwillen möge unser Lied deinen Himmel erreichen.

Pfr. Roland Diethelm

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