Wangen a/A

Erwarten können

Wer Advent auf einen Zeitraum von vier Wochen reduziert, der hat Weihnachten gründlich missverstanden. Und er wird nicht das Weihnachten feiern können, das die Weihnachtsgeschichte des Neuen Testaments beherbergen kann.

Die Weihnachtsgeschichte der Bibel ist nicht vergangen, sondern zukünftig. Advent ist eine Haltung und die Adventszeit eine Einübung ins Leben. Gelernt wird das Erwarten Können. „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“

Die Lesungen aus dem Propheten Jesaja und der Offenbarung des Johannes leben aus der eigenen Dunkelheit in der Erwartung des Lichtes. Alle Lieder des Advents sind Lieder der Hoffnung und Sehnsucht: „O Heiland, reiss die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?“ Und die alten Bräuche der Adventszeit dosieren immer wieder die Weihnachtsfreude.

Kerzen, Gebäck, Adventskalender, Geschenke: alles trägt die Prägung der Verheissung. Wer sich den Bauch schon vor Weihnachten vollschlägt, kann am Fest nur noch fasten. Und wer überall Kerzen anzündet, den Weihnachtsbaum schon früh aufstellt und schmückt, findet die Kerzen abgebrannt, muss den Tannebaum an Weihnachten mit Wasser besprühen und gleich danach entsorgen.

So schön wie uns die geweihte Nacht anzieht, so unerreicht ist sie jetzt noch. So verblasst sie nicht schon vor der Zeit. So reizt sie uns, sie zu er-warten. Die Sehnsucht lernen: dies ist die Weisheit und die Kunst des Traumes. Noch habe ich es nicht, und schon freue ich mich, als hätte ich es. Die Volksweisheit meint, Vorfreude sei die schönste Freude.

In dem vergehenden Jahr haben wir das Abwarten gelernt wie schon lange nicht mehr. Abwarten, bis ich endlich wieder reisen kann. Abwarten, bis Theater und Konzerthäuser wieder spielen dürfen. Abwarten bis Geselligkeit wieder ohne schlechtes Gewissen, ohne Atemschutz und ohne Vorsicht möglich sein werden.

Dieses Abwarten macht müde. Es hat uns in der Schweiz so müde gemacht, dass wir voll in die zweite Welle hineingeschlittert sind wie kaum ein anderes Land. Das Abwarten ist wie ein Fluch über uns geworden. Umso mehr dürfen wir jetzt das andere Warten lernen. Das Erwarten.

Äusserlich ist es vielleicht gar nicht gut voneinander zu unterscheiden, das Abwarten und das Erwarten. Beide Haltungen warten auf bessere Zeiten. Alles hangt an der inneren Einstellung. Bleibt es beim Leerraum und Abwarten - oder lerne ich das Träumen, die Sehnsucht als Lebensraum, wo Gott mir begegnen will?

Pfr. Roland Diethelm

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